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23. Juli 2010  | Von Albrecht Schmidt (Südhessen Nachrichten)

Milde glimmen die Akkorde
Orgelsommer: In der Pauluskirche trifft französische Prachtentfaltung auf Bach
DARMSTADT. 

,,Bach und die Franzosen" hätte einen passenden Titel abgegeben für das 5. Konzert des Orgelsommers 2010 am Mittwochabend in der Darmstädter Pauluskirche. Der 34 Jahre alte Organist Federico Andreoni aus Montreal stellte zwei gewichtigen Werken Johann Sebastian Bachs Orgelkompositionen von Dupré, Vierne und Widor gegenüber und verdeutlichte damit einen grundlegenden Unterschied zwischen deutscher und französischer Tradition: Der deutschen Neigung zu tiefgründigem Konstruktivismus mit Kontrapunktik und Polyphonie steht die französische Vorliebe für sinfonische Dimensionen und glänzende Farbwirkungen mit minutiösen Registrierungen gegenüber.
Als ein Organist, dem die Technik keinerlei Probleme bereitet, kann Andreoni es sich leisten, mit einem äußerst anspruchsvollen Stück wie Bachs Toccata, Adagio und Fuge C-Dur (BWV 564) zu beginnen. An die stiebenden Läufe der Toccata geht er mit einer Verve heran, dass die Mixturen der Pauluskirche nur so funkeln. Kernig und ohne Fehltritte schnurrt das lange plakative Pedal-Solo ab. Im Adagio entfaltet der Organist einen delikaten Ton und fügt Triller und originelle Ornamentik in den Spielfluss ein. Die Fuge zieht er in einheitlicher kompakter Registrierung grandios durch, mit Drive und stetem Puls. Die gut voneinander abgesetzten Motive des Fugenthemas sorgen für strukturerhellende Transparenz.
Diese bestimmt auch Bachs Triosonate G-Dur (BWV 530), die unaufdringlich leicht gerät: Andreonis helle, silbrige Registrierung deckt hier die ganze Themenvielfalt der Komposition auf. Größte Ausdrucksintensität erreicht die Musik im langsamen Mittelsatz, dessen wiegender Rhythmus und Melodie-Initial deutlich an die Alt-Arie ,,Erbarme dich" aus der Matthäuspassion erinnern.
Nach Bach und der hinzugefügten e-Moll-Chaconne von Dietrich Buxtehude überbrückte Federico Andreoni mit einer eigenen Komposition den Übergang vom deutschen Barock zu den Orgelwerken französischer Komponisten. Die kleine Fantasie ,,Flowers of Jamaica" erwies sich als eine in hellen, freundlichen Tönen gehaltene, meditative Studie voller impressionistischer Klangwerte, mit pastellfarbenen Liegeklängen und reizvollen Vibrato-Wirkungen.
Danach die Franzosen: Marcel Duprés Prélude et fugue op. 7 Nr. 2 verhalten und geheimnisvoll im mild glimmenden Akkordgewebe, gefolgt von zwei Ausschnitte aus Orgelsinfonien von Louis Vierne, zunächst imposante Klanggewalt im Allegro aus der 2. Sinfonie, dann in Mendelssohn'scher Scherzo-Leichtigkeit ein Satz aus der 1. Sinfonie.
Zum Abschluss dann als Triumph von Strahlkraft und Virtuosität das Finale aus Charles Marie Widors 6. Orgelsinfonie mit festlichen Fanfaren und der marschartigen Phrasen - insgesamt ein sinnenfrohes und dennoch hintergründiges Orgelspiel.
Als Zugabe wiederholte Federico Andreoni Bachs prachtvolle C-Dur-Fuge und schlug damit in konzeptioneller Bündigkeit den Bogen zurück zum Konzertbeginn.